Berufungsvorträge Höhere Geodäsie

Am Freitag, dem 23.6.2017, finden im Seminarraum 122 drei öffentliche Berufungsvorträge mit anschließenden öffentlichen Hearings im Berufungsverfahren "Höhere Geodäsie" statt:

09:00–10:00 Uhr: Prof. Johannes Böhm
Globale Referenzrahmen – Wiener Beiträge und Herausforderungen
Globale geodätische Referenzrahmen bilden die Grundlage für die Positionierung und Navigation auf der Erde und im Weltraum sowie für die Bestimmung und Georeferenzierung von globalen dynamischen Prozessen wie zum Beispiel der Plattentektonik und des Meeresspiegelanstiegs. Während der himmelsfeste Referenzrahmen über Positionen von extragalaktischen Radioquellen mittels des Verfahrens der Very Long Baseline Interferometry (VLBI) verwirklicht wird, erfolgt die Realisierung des erdfesten Referenzrahmens mit Positionen und Geschwindigkeiten von Hunderten auf der Erdoberfläche verteilten Stationen mit Beobachtungen der VLBI, der Global Navigation Satellite Systems (GNSS), von Satellite Laser Ranging (SLR) und Doppler Orbitography and Radiopositioning Integrated by Satellite (DORIS). Im Vortrag wird vor allem auf die Wiener Beiträge zum himmelsfesten und erdfesten Referenzrahmen im Bereich der VLBI und der Modellierung der Laufzeitverzögerungen in der Troposphäre eingegangen, und es werden die Herausforderungen und Möglichkeiten des VLBI Global Observing System (VGOS) diskutiert, das auf schnelleren Radioteleskopen und größeren Bandbreiten basiert. Spezielles Augenmerk wird mit der Beobachtung von Satelliten mit VLBI Radioteleskopen auf die Verknüpfung der oben genannten Verfahren im Weltraum gelegt. Für diese Art von Kollokation im Weltraum sind verschiedene Satellitenmissionen verfügbar bzw. in Planung. Schließlich beleuchtet der Vortrag noch den österreichischen Stand der Höhenübertragung über den Frequenzvergleich von hochgenauen Atomuhren als Aspekt der relativistischen Geodäsie.

11:15–12:15 Uhr: Prof. Jakob Flury
Geodäsie der Zukunft: Weltraumverfahren, Quantensensorik, relativistische Geodäsie
Für die Realisierung globaler geodätischer Bezugsrahmen ist die konsistente Bestimmung eines komplexen Satzes von Größen erforderlich: Geozentrumskoordinaten, Satellitenbahnen, Erdorientierungsparameter, Stationskoordinaten und deren zeitliche Änderungen, Höhen- und Potentialreferenz, Meeresspiegeländerung und mehr. Im Rahmen des Global Geodetic Observing System (GGOS) sollen diese Größen mit mm-Genauigkeit und bezogen auf eine homogene und langzeitstabile Referenz jederzeit und überall zur Verfügung gestellt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sind Fortschritte in der geodätischen Sensorik unabdingbar. Der Vortrag zeigt Forschungsarbeiten am Institut für Erdmessung und insbesondere im Sonderforschungsbereich „Relativistische Geodäsie und Gravimetrie mit Quantensensoren (geo-Q)“ der Leibniz Universität Hannover, die darauf gerichtet sind, grundlegende Neuerungen in der Weltraumsensorik und Quantenmetrologie in geodätischen Anwendungen zu testen. Satellitenmissionen und -konzepte wie GRACE Follow-On, Microscope oder E-GRASP ermöglichen Abstands- und Beschleunigungsmessungen im Weltraum mit Präzisionsniveaus von Nanometern bzw. 10-12 m/s2 oder besser. Um die rohe Sensorpräzision in geodätisch relevante Information zu übersetzen, sind allerdings grundlegende Verbesserungen in der Modellierung der Messsysteme und der Umgebungsbedingungen im Weltraum erforderlich. Quanteninertialsensorik schafft neue Perspektiven für satelliten- und bodengestützte Messverfahren. Durchbrüche bei optischen Atomuhren und in der optischen Übertragung von Frequenzen in der relativen Genauigkeit von 10-18 oder besser eröffnen das Feld der relativistischen Geodäsie. Die Übertragung einer atomaren Höhenreferenz auf der Grundlage der Allgemeinen Relativitätstheorie über kontinentale Distanzen wird mittelfristig cm- bis mm-Genauigkeit erreichen.

14:30–15:30 Uhr: Prof. Rüdiger Haas
Holistische Geodäsie
Traditionell behandelt die Geodäsie drei Wissenschaftsbereiche die oft als Pfeiler der Geodäsie bezeichnet werden. Es sind a) Erdrotation und ‐orientierung, b) Kinematik und Deformation des Erdkörpers, und c) das Erdschwerefeld. Diese drei Bereiche sind eng miteinander verbunden, werden durch gemeinsame Phänomene beeinflusst, und sind über geodätische Referenzrahmen verknüpft.
In der Vergangenheit sind die drei Bereiche jedoch oftmals getrennt voneinander betrachtet worden, ohne die Wechselwirkungen und gemeinsamen Hintergründe entsprechend zu berücksichtigen. Das führt zu einer inkonsistenten Betrachtung des Systems Erde und erschwert ein verbessertes Verständnis der Dynamik unseres Planeten, das speziell in Zeiten globaler Klima-­ und Umweltveränderungen wichtig ist.
Wissenschaft und Gesellschaft sind sich einig, dass eine nachhaltige Entwicklung unseres Planeten nur durch ein deutlich verbessertes Verständnis globaler geodynamischer Prozesse möglich ist. Hier spielt die Geodäsie unter den Geowissenschaften eine herausragende Rolle, da sie Referenzrahmen erstellt und pflegt, und wichtige Phänomene wie beispielsweise Meeresspiegeländerungen misst und erfasst. Mit den Referenzrahmen legt sie auch die Grundlage für andere Geowissenschaften, die raumbezogene Daten erfassen und verwenden.
Um den Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden, und zu wichtigen und aktuellen Fragestellungen wie Klimaveränderung und Meeresspiegelveränderung Antworten geben zu können, muss sich die Geodäsie jedoch weiterentwickeln. Eine umfassende und gemeinsame Betrachtung der drei traditionellen geodätischen Bereiche ist nötig, die als ganzheitliche, oder holistische Geodäsie bezeichnet werden kann.
In diesem Vortrag werden momentane Inkonsistenzen in der Geodäsie vorgestellt, der Einfluss gemeinsamer Phänomene auf unterschiedliche Bereiche der geodätischen Forschung präsentiert, sowie Beispiele für eine holistische Forschungsansatz in der Geodäsie vorgestellt.

16.06.2017
Category: Announcements, Advanced Geodesy